Bandscheibenvorfälle
von
Dr. med. Petra Brückner Chefärztin der Orthopädischen Abteilung
Einleitung
und anatomische Betrachtungen Bandscheibenvorfälle: Einleitung und anatomische BetrachtungenDer Rückenschmerz ist ein zentrales Problem unserer Zeit durch die Vielzahl der Betroffenen und die Höhe der verursachten Behandlungskosten. Bandscheibenerkrankungen bedingen langdauernde Arbeitsunfähigkeiten, aufwändige Rehabilitationsmaßnahmen und führen nicht selten zur Frühinvalidität. In Deutschland leidet jeder Dritte ständig unter Rückenschmerzen und nur etwa jeder fünfte Erwachsene bleibt von Rückenschmerzen verschont. Das ist ein Grund, dass die meisten zum Thema Rückenschmerz etwas zu sagen haben. Die Bandscheiben liegen als Puffersubstanz zwischen den benachbarten Wirbelkörpern. Nur zwischen dem ersten und zweiten Halswirbelkörper befindet sich keine Zwischenwirbelscheibe. Man sagt, dass die Bandscheibenveränderungen mit entsprechenden Beschwerden das Tribut sind, welches wir Menschen für unseren aufrechten Gang zu zahlen haben. Vierfüßler entwickeln im allgemeinen keine Bandscheibenschäden und keine Bandscheibenvorfälle. Nur die Dackel stellen, aufgrund seiner besonderen Anatomie, eine Ausnahme dar. Bei kurzen Beinen und langem Rumpf hängt seine Wirbelsäule ständig, ähnlich einer Knickbildung, durch. Durch diese Wirbelsäulenstatik können unsere kleinen Freunde, die Dackel, ebenfalls Bandscheibenvorfälle (Dackellähmung) erleiden. Von oben nach unten betrachtet zeigt die Halswirbelsäule eine Krümmung nach vorn (Halslordose), die Brustwirbelsäule eine Neigung nach hinten (Brustkyphose) und die Lendenwirbelsäule wieder eine Neigung nach vorn (Lendenlordose). Das Kreuzbein ist mit Schwingung nach hinten starr, da die Kreuzbeinwirbel knöchern miteinander verbunden sind. Zwischen ihnen gibt es keine Bandscheiben. So resultiert in der Seitbetrachtung eine doppelt-S-förmige Schwingung der Wirbelsäule. Bandscheibendegeneration bzw. Bandscheibenvorfälle entstehen am häufigsten im Übergangsbereich von einer Schwingung in die nächste, vor allem in den unteren Halswirbelsäulen- und noch viel häufiger in den unteren Lendenwirbelsäulensegmenten. Im Lendenwirbelsäulenbereich kommt als zusätzliches bandscheibengefährdendes Moment hinzu, dass die frei bewegliche Lendenwirbelsäule (mit Bandscheiben) in das feste kompakte Kreuzbein (ohne Bandscheiben) übergeht und dadurch starke Schwerkräfte wirksam werden. Eine weitere Ursache dafür, dass Bandscheibenvorfälle in den 2 unteren Etagen der Lendenwirbelsäule gehäuft auftreten, besteht darin, dass in dieser Höhe der dorsale Bandscheibenring nicht mehr genügend durch das hintere Längsband stabilisiert ist. Unterhalb des dritten Lendenwirbelkörpers nimmt die Festigkeit des hinteren Längsbandes deutlich ab, insbesondere im äußeren Abschnitt der hinteren Bandscheibenbereiche. 62 % aller pathologischen Bandscheibenveränderungen sind deshalb in der unteren LWS lokalisiert. Zieht man die Bandscheibenvorfälle heraus, so verteilen sich 95 % davon auf die Segmente L4/L5 und den Lendenwirbelsäulen-/Kreuzbeinübergang. Welche Bedeutung unsere Haltung und unser Rücken hat, spiegelt sich darin wieder, dass unsere Haltung im übertragenen Sinne in unseren Sprachegebrauch Einzug gefunden hat. Redewendungen wie "er ist gebeugt", "er ist geknickt" oder "mit dem Rücken zur Wand", "Rückrat haben" und "dem wurde das Kreuz gebrochen" deuten auf die enge Beziehung von Haltung und Seelenleben hin. Trotz mancher Schwachstellen ist die Wirbelsäule als
Ganzes als Meisterwerk der Natur zu betrachten. Die Zwischenwirbelscheibe hat einen charakteristischen
Aufbau. In der Mitte liegt ein gallertartiger Kern, der Nucleus pulposus. Bei den Bewegungen der Wirbelkörper zueinander, die sich durch Bücken, Rückwärtsneigen und Seitneigen ergeben, ändert der Nucleus pulposus jeweils innerhalb der Zwischenwirbelscheibe seine Lage, wodurch ein Druckausgleich (Pufferfunktion) und gleichzeitig ein entsprechender Abstand der benachbarten Wirbelkörper in allen nur möglichen Bewegungsstellen gewahrt wird (Kugellagerfunktion). Im Laufe des Tages, wenn die Wirbelsäule durch unseren
aufrechten Stand einer axialen Druckkomponente unterliegt, wird der Gallertkern
unter Druck gesetzt und gibt einen Teil seines Wassergehaltes durch kleine Poren
der benachbarten Grund- und Deckplatten in Richtung Wirbelkörper ab. Etwa um das 25. Lebensjahr, so haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, setzt die Bandscheibendegeneration ein. Die primär geschlossenen und kreisförmig verlaufenden Faserringe (Anulus fibrosus), die den Gallertkern umgeben, entwickeln kleine Risse und Spalten. Durch die vorwiegende Beugehaltung der Lendenwirbelsäule sucht sich der Gallertkern den Weg nach hinten durch die defekten Maschen des Faserringes und wandert Richtung Wirbelkanal oder Nervenaustrittsgang. Solange er dabei den äußeren Faserring der Bandscheibe vor sich herschiebt, nennt man es Bandscheibenvorwölbungen. Wenn auch der äußere Faserring kaputt gerissen ist, nennt man es Bandscheibenvorfälle (siehe Abbildung). Bandscheibenvorwölbung Bandscheiben vorfall Die nächste Barriere stellt das hintere Längsband dar. Je nachdem, welche Nervenwurzel betroffen ist, entwickeln sich die dazugehörigen Reflexausfälle, Minderung der Berührungsempfindlichkeit im betroffenen Versorgungsareal und im schlimmsten Fall motorische Ausfälle (Lähmungen). Der betroffene Wirbelsäulenabschnitt zeigt eine Schonhaltung und ist in seiner Gesamtbeweglichkeit eingeschränkt. Das klinische Bild der Bandscheibenvorfälle soll, da 95 % der Bandscheibenvorfälle in den unteren Lendenwirbelsäulensegmenten zu finden sind, am Beispiel vom Bandscheiben vorfall zwischen dem fünften Lendenwirbelkörper und dem Kreuzbein (Etage L5/S1) dargestellt werden. Eine S1-Nervenwurzelschädigung bedingt eine Abschwächung oder im schlimmsten Fall eine Lähmung der Fußstreckermuskulatur, eine Abschwächung oder ein Verschwinden des Achillessehnenreflexes und eine Minderung der Berührungsempfindlichkeit an der Außenseite des Beines, zur Kleinzehe ziehend. Bei einer Nervenwurzelkompression durch Bandscheibenvorfälle lässt sich durch das Anheben des gestreckten Beines ein sogenannter "Ischiasdehnungschmerz" auslösen, der im allgemeinen von der Lendenwirbelsäule über die Gesäßhälfte in das betroffene Bein ausstrahlt. Nicht alle in der Computertomographie oder
Kernspintomographie erkennbare Bandscheibenvorfälle, sind praxisrelevant.
Die beste Wirbelsäulenbehandlung stellt die Vorsorge dar.
Die Bandscheiben leben von der Bewegung und brauchen zur Ernährung und zum
Aufrechterhalten des nötigen Pumpmechanismus im Zwischenwirbelabschnitt den
Wechsel von Be- und Entlastung. Haltungskonstanz über Stunden ist Gift für die
Bandscheibe. Rückengerechtes Verhalten sollte beim Heben und Tragen von Lasten
genauso wie beim Stehen, Sitzen und liegen, soweit als möglich, beachtet
werden. Um diese Informationen vermittelt zu bekommen, bietet sich ein Rückenschulbesuch
an. Besteht durch die Bandscheibenvorfälle eine akute Nervenwurzelkompression mit schmerzhafter "Ischialgie", steht primär die Schmerzbekämpfung im Vordergrund. Medikamente mit analgetischem (schmerzlinderndem) Effekt sowie mit abschwellender und muskelentspannender Wirkung finden Einsatz. Zu diesem Zweck nutzt man z. B. nichtsteroidale Antirheumatika oder Cox-2-Hemmer und Muskelrelaxantien. Bei einer akuten Ischialgie sind systemische oder lokale Cortisonbehandlungen geeignet, die Gewebsschwellung um die Nervenwurzel zu minimieren. So soll Reserveraum für die Nervenwurzel geschaffen und die Enge für die Nervenwurzel reduziert werden. Im Akutfall dienen sakrale Umflutungen oder gezielte Injektionen an die betroffene Nervenwurzel mit cortisonhaltigen Präparaten dem gleichen (abschwellenden) Ziel. Antidepressiva in niedriger Dosierung haben in der medizinischen Behandlung der Bandscheibenvorfälle und bei chronischen Rückenschmerzen einen festen Stellenwert. Der akute Schmerzpatient ist meist für örtliche Wärmebehandlung oder Stufenbettlagerung sehr dankbar. Aus dem Bereich der Elektrotherapie finden
elektrogalvanische Bäder (Stangerbäder) Einsatz und zeigen einen guten Effekt.
Diadynamische Ströme führen zur Verminderung der Muskelspannung und
Schmerzreduzierung. Mikrochirurgische Operationen der BandscheibenvorfälleDie Bandscheibenoperation ist notfallmäßig durchzuführen,
wenn eine sogenannte "Caudasymptomatik" besteht, gekennzeichnet durch
Blasen- und Mastdarmlähmung. Das Caudasyndrom ist durch einen großen, nach
medial gerichteten Massenprolaps verursacht und erlaubt keinen Aufschub der
Operation. Die Operation muss in den ersten 6 Stunden nach Auftreten dieser
Symptomatik erfolgen, je eher desto besser. Endoskopische Operation der BandscheibenvorfälleBei der endoskopischen Operation wird ein schmales Rohr an
den Bandscheibenraum eingebracht und mittels feiner Instrumente unter
Monitorkontrolle der Bandscheibenvorfälle entfernt. Diese Vorgehensweise hat den
Vorteil, dass durch die kleinen Schnitte kaum Narben entstehen. Nach einer Bandscheibenoperation sollte eine
Anschlussrehabilitation in einer dafür zugelassenen Rehabilitationsklinik
erfolgen. Der chronische Rückenschmerzpatient wird Schmerzbewältigungsstrategien und Entspannungsverfahren als lebensbegleitende Maßnahme erlernen müssen. Abschließend sei bemerkt, dass im Rahmen dieses Beitrages
ausschließlich auf die Bandscheibenvorfälle eingegangen wurde.
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